Die Insel der verlorenen Schlüssel

Eintrag vom 16.5.1856

 

Ort: 123 Grad westlicher Breite im

"Tiefen Meer", 2 Grad Nordnordwest

Es schreibt: Piratenlehrling Lasse Eisenhammer Ich befinde mich an Bord der Windjauler

Ich soll heute zum ersten Mal die "Windjauler" steuern dürfen.

Wir haben wenig zu essen an Bord und wollen

am Abend in Kap Augapfel anlegen.

Dort soll es eine Spelunke geben, in der man heiße Bratkartoffeln mit Speck bekommt.

Ich mag auch nicht mehr jeden Tag Stockfischsuppe essen.

1. Anlegemanöver

Die Windjauler ist noch einige Seemeter von der Hafeneinfahrt von Kap Augapfel entfernt. Eigentlich misst man die Entfernung auf See ja in Seemeilen, aber es ist halt nur noch ein kleines Stückchen, sozusagen ein paar Meter.

 

Am Steuerrad steht zum ersten Mal der gefürchtete Piratenknabe Lasse.

Lasse Eisenhammer, so sein ganzer Name, ist seit einiger Zeit mit von der Partie auf dem Freibeuterkahn von Käpt´n Krausbart und Opa Krausbart.

Lasse will Pirat werden und er ist schon zwölf.

 

Bei den Piraten ist das so, dass die Jungpiraten nicht in die Schule gehen das Jahr über, sondern gleich eine Ausbildung auf einem Piratenschiff machen. Mit zwölf darf man also schon am Ruder eines ausgewachsenen Piratenschiffes stehen und versuchen, zu lenken.

So jedenfalls scheint es zu sein.

 

„Fahren wir nicht ein wenig sehr schräg?“ fragt Käpt´n Krausbart, „also etwas zu viel nach Backbrot?“

„Ja, sehr schräg, fast noch schräger, als Du das letzte Mal angelegt hast!“, antwortet Opa Krausbart.

Normalerweise hält er das Ruder in der Hand hat, wenn es nicht der Käpt´n in der Hand hat, oder in der Hand haben will, denn die beiden zanken sich sehr oft darum, wer am Steuer der Windjauler stehen darf.

 

Jetzt haben sie zum ersten Mal beide nichts zu lenken, und das scheint ihnen nicht so recht zu gefallen.

„Wir müssten ein wenig schräger fahren, Lasse Eisenhammer!“ ruft der Käpt´n Lasse zu.  Der versucht, das Ruder ein wenig herum zu reißen, was ihm aber nicht gelingt.

Lasse ist schon zwölf und ziemlich stark für sein Alter, aber das Ruder der Windjauler geht ganz schön schwer für sein Alter.

Das Leben an Bord ist hart und der Wind weht manchmal so doll, dass ich schon dreimal

beinahe über Bord geweht wurde. Gestern ist Ansgar, unsere Bordmöwe, zurück gekommen.

Er war fast drei Tage weg auf Kundschaftertour. Jetzt fahren wir los.

Wir werden den ganzen Tag unterwegs sein.

Ich bin mir sicher - nicht mehr lange und ich bin ein richtiger Pirat!

gez. Lasse Eisenhammer

 

P.S.: Manche Seefahrerausdrücke, die meine Lehrmeister benutzen, scheinen nicht ganz richtig zu sein.

Das werde ich aber noch heraus finden.

„Nicht ganz so schräg!“ ruft Opa Krausbart dazwischen.

 

„Ach was, viel schräger!“ ruft der Käpt´n. Die Windjauler bewegt sich mitten auf einer großen Welle auf die rechte äußere Kante der Hafenmauer zu.

 

„Ich tu ja, was ich kann!“, schreit Lasse gegen den Wind in Richtung Vorderdeck.

„Aber dieses verflixte Steuerrad klemmt!“

 

„Wer hat denn hier Kinder ans Steuer gelassen, ohne vorher nachzudenken?“ grummelt Opa Krausbart. "klemmt, so ein Quatsch."

Er stiefelt mit seinem Piratenholzbein die kleine Treppe zum Ruderstand hinauf.

Bei Luv und Lee!“ schreit da der Käpt´n, „Wir fahren ja am Hafen vorbei!“

 

Er dreht sich um und rennt ebenfalls die kleine Treppe zum Ruderstand hinauf.

„Mehr da lang oder dort lang!“, ruft er. „Aber doch nicht geradeaus fahren!“

 

„Lasse Eisenhammer, tritt beiseite!“ fordert Opa Krausbart den Piratenlehrling auf und greift beherzt ins Ruder.

Im gleichen Moment greift auch der Käpt´n, der inzwischen am Ruderstand angekommen ist, von der anderen Seite aus ins Ruder, damit die Windjauler nicht mehr so schräg fährt.

„Hör mal, mein Junge - Käpt´n“ wettert Opa Krausbart „Ich war hier zuerst und ich lenke jetzt nach „weniger schräg in Richtung Hafenmauer.“

 

„Das müsste „weniger Steuerbrot“ heißen, wenn ich mich recht entsinne, etwa drei Strich „weniger Steuerbrot“, plustert sich der Käpt´n auf.

„Ich mach das schon“ antwortet Opa Krausbart „denn hier hat nur einer wirklich Ahnung von der Seefahrerei und das...“

„Bin ich!“ ruft der Käpt´n.

Opa Krausbart reißt das Ruder herum. Die Windjauler macht einen Satz nach – noch viel schräger, und rauscht mit einer großen Welle an der Hafeneinfahrt vorbei.

 

Lasse hält sich an der Reling fest und kratzt sich den Kopf.

„Backbrot? Steuerbrot? Das sind waschechte Piraten“, murmelt er. „Von denen kann man wirklich noch was lernen!“

 

Die Windjauler knirscht und ächzt in allen Balken und in der Takelage, als die Krausbarts mit vereinten Kräften am Ruder drehen. Eine Welle schiebt das kleine Schiff mit einem Riesensatz nach vorne.

Es schiebt sich mit einem kratzenden Geräusch etwa zehn Seemeter schräg neben der Hafeneinfahrt auf dem weißen Strandsand.

 

Durch die plötzliche Bremsung werden Lasse, der Käpt´n Opa Krausbart mit lautem Poltern seines Holzbeins aufs Vorderdeck der Windjauler geworfen und landen in einem Haufen morscher Taue.

Stöhnend und fluchend rappeln sie sich auf.

„Beim einbeinigen Klabautermann mit toten Tomaten in Heringssoße in der Unterhose!“

Opa Krausbart versucht, sich aus einem verdrehten Tau zu befreien.

 

„Beim neunschwänzigen Taschenkrebs mit stinkender Stockfischbrühe!“, ruft der Käpt´n.

 

„Aua!“ stöhnt Lasse und reibt sich eine dicke Beule an der Stirne.

 

„Also, Lasse Eisenhammer, fluchen musst du aber noch lernen!“ brummt Opa Krausbart. „Sonst fällst Du uns noch durch die Piratenprüfung.“

 

„Na, und zwar gründlichst.“ Bestätigt der Käpt´n. „Fluchen ist erste Piratenpflicht!“

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Nichts von dem, was hier berichtet wird, darfst Du glauben. Es sei denn,

Du willst es.

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