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3. Unerfreulicher Besuch

„Uuuuaaaah. Oh!“ gähnt Opa Krausbart und reibt sich die Augen.

„Was schnatterst du denn so, Ansgar? Ist irgendetwas passiert?“

 

Ansgar zappelt verdächtig und schaut immer wieder aufgeregt zum Horizont.

Auch der Käpt´n ist inzwischen aufgewacht und nun steht die gesamte Mannschaft mit den Füßen im Wasser und schaut auf die silberne Linie des Horizonts ganz weit in der Ferne im Tiefen Meer.

 

„Ich seh nix“, brummt Opa Krausbart, der die Warnungen von Ansgar immer sehr ernst nimmt.

„Ich sehe...“ der Käpt´n kneift die Augen zusammen, „Ich sehe....“

„Ja, was?“ brummt Opa Krausbart.

„Ich sehe.... nichts.“ Der Käpt´n kratzt sich an der schmuddeligen Krempe seines Piratenhuts, obwohl es ihn dort gar nicht jucken kann.

Aber er findet, so was sieht aus, als würde man angestrengt nachdenken.

 

„Ich sehe...etwas!“ ruft Lasse und geht einen Schritt weiter vor ins klare Wasser.

„Lasse Eisenhammmer!“, ruft Opa Krausbart „Vorsicht, geh nicht zu weit ins Wasser,

sonst wirst du ertrinken!“

 

„Was siehst du?“ Der Käpt´n blickt mit zusammen gekniffenen Augen den Horizont an.

 

„Einen Schatten - ganz weit draußen“, sagt Lasse, „und er wird schnell größer.

Was kann das sein?“

 

„Große Segel werfen große Schatten und werden schnell größer...“ murmelt Opa Krausbart. Seine Stimme zittert ein wenig.

„Und große Schiffe werfen große Schatten...“ rätselt der Käpt´n.

 

Der Käpt´n und Opa Krausbart sehen sich an und beginnen wie mit einer einzigen Stimme zu sprechen: „Großes Schiff, großes Segel, großer Schatten? Hühnerbein kommt!“

 

Sie schauen wie erstarrt aufs Meer und halten vor lauter Furcht die Hände vors Gesicht.

 

„Igitt! Schaut mal herunter, wir stehen ja schon bis zum Bauch im Wasser!“

ruft Opa Krausbart. „Schnell weg hier! Es droht Gefahr von überall!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Tat hat in der Aufregung niemand bemerkt, dass der Wasserstand plötzlich ganz gewaltig gestiegen ist. Die drei Piraten stehen schon bis zum Bauch im Wasser, ohne es bemerkt zu haben.

Das steigende Wasser ist im "Tiefen Meer" und in den meisten anderen Meeren

etwas ganz gewöhnliches. Man nennt es in Seefahrerkreisen „Flut“.

 

„Lasse Eisenhammer,...“, spricht Opa Krausbart mit erhobener Stimme „pass jetzt gut auf! Eine Piratenlektion! Das steigende Wasser nennt man Flut. Und wenn das Wasser wieder weg geht, dann nennt man das Ebbe.

Und dieses ganze Hin und Her mit dem Wasser, also Wasser rein ins Meer und Wasser wieder raus aus´m Meer, dafür ist der Mond verantwortlich. Und es wechselt sich alle 12 Stunden ab. Wasser kommt, Wasser geht!“

 

„Der Mond war heute Nacht aber gar nicht da.“ Brummt der Käpt´n.

Opa Krausbart rauft sich ratlos die Haare unter seinem schwarzen Piratenhut und schaut ängstlich auf das steigende Wasser.

„Alle Mann an Bord, die Flut kommt!“ brüllt er.

 

„Und Hühnerbein probiert seine Kanonen aus!“ ruft der Käpt´n. „Was für eine Katastrophe!“

 

Die drei drehen sich um und stapfen eilig durch das Wasser zur Windjauler.

Vorne am Bug hängt ein Tau herunter, an dem sie sich hoch hangeln können.

Ansgar ist schon ganz nach oben in den Ausguck geflogen und hockt auf der Mastspitze.

 

„Wieso haben wir es denn so eilig?“ fragt Lasse, während er sich Stück für Stück am Tau hochzieht. „Und wer ist denn dieser Hühnerbein, vor dem man solche Angst haben muss?“

 

„Erstens haben wir es eilig,“ keucht der Käpt´n, während er sich Stück für Stück am Tau nach oben zieht, „weil die Flut kommt und wir ja nicht unnötig nass werden wollen!“

 

„Zweitens,...“ ergänzt Opa Krausbart „zweitens, ist der Pirat Hühnerbein der am meisten gefürchtete Pirat im Tiefen Meer. Und das kommt daher, dass er ein Schiff hat mit einhundertelf dicken Kanonen und einer ganz wilden Mannschaft von einhundertelf schrecklichen Rabauken.

Und er raubt alles weg, was er kriegen kann und gibt nichts wieder her. Was er einmal hat, verschwindet im Bauch seines dicken Schiffs.

 

„Aber ich dachte,...“ Lasse schwingt sich mit einem Satz über die Reling und landet auf den Holzplanken des Vorderdecks „ich dachte, wir sind die gefährlichsten Piraten im Tiefen Meer?“

 

„Naja, das sind wir doch auch!“ ruft der Käpt´n, der nach unten ins Wasser blickt, um nach dem Wasserstand der Flut Ausschau zu halten.

„Solange jedenfalls, wie der Hühnerbein nicht da ist, sind wir...“

„Die gefürchtetsten Piraten im Tiefen Meer!“ ergänzt Opa Krausbart. „Los, Lasse Eisenhammer, komm mit zum Ruderstand, wir müssen sehen, dass wir Land gewinnen! Oder besser gesagt, Wasser unter den Kiel bekommen. Schnell!“

 

Opa Krausbart und Lasse stürmen die Treppe zum Ruderstand hinauf. Käpt´n Krausbart steht auf dem Vorderdeck, schaut zum Ruderstand hinauf, legt den Kopf schief und grinst. Dann geht er mit stolzen Schritten hinter den beiden her.

 

 

Am nächsten Morgen werden die drei Piraten vom Kreischen der Seemöwe Ansgar geweckt.

Ansgar ist ab und zu unterwegs, um die Gegend auszukundschaften, oder Freunde zu besuchen und deswegen nicht immer auf der Windjauler anzutreffen.

 

Aufgeregt kommt sie heran geflattert und lässt sich gleich auf Lasses Mütze nieder. Da sitzt sie am liebsten, hoch oben auf Lasses Kopf.

Gerade will sich Lasse aufrichten und den Schlafsand aus den Augen reiben, da plustert sich Ansgar und schnattert ganz verrückt herum.

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